Die Schatten des Krieges in der Kinder und Enkelgeneration

2014-02-14 20:35 von Margot Kranz

ein Projekt wirkt nach

Panzersperren im Wurmtal

Was war die Idee hinter diesem Wochenende?

Das Thema wie Kriegserfahrungen und Kriegstraumata in Familien verarbeitet oder unverarbeitet sich als Schatten durch die Lebensgeschichte einzelner Menschen zieht, beschäftigt uns heute  fast 70 Jahre nach Kriegsende immer noch und ist aktuell. Die seelischen Wunden sind nicht verheilt und ziehen ihre Spuren durch die Generationen.

In der TelefonSeelsorge Düren- Heinsberg Jülich stehen hinter Erfahrungen von Gewalt, die Menschen erlebt haben, nicht selten erlittene Grausamkeiten des Krieges der Eltern- und manchmal sogar der Großelterngeneration. In den Familien herrschten nicht selten Ohnmacht und Schweigen im Ringen um seelisches Überleben.    Manches Gespräch erhält einen neuen Kontext, wenn es uns gelingt, den Themen der Schatten des Krieges offen und mit dem Respekt einer Generation gegenüber begegnen zu können, deren erlittenes Leid wir heute nur erahnen können.

So hatten wir unser Wochenende mit dem Fokus „Kriegskinder und Kinder der Kriegskinder“ gewählt. Die Generationenkonstellation in der TelefonSeelsorge, die aus ZeitzeugInnen und der Generation der in den 60er bis 70 Jahren Geborenen besteht, stellt einen großen Reichtum an Generationengruppen dar. Und diese Chance wollten wir nutzen.

Wie war der Rahmen des Wochenendes?

Schon lange hatten sich Fragen angesammelt im Verlauf des gesamten Jahres beschäftigte uns in der Gemeinschaft dieses ungeheuer anrührende und teilweise natürlich Angst besetzte Thema. Würden wir uns in Offenheit auch Verletzungen und Verwundbarkeiten nähern können? Wäre es uns möglich, über das Unmögliche zu reden? Und wie sollte all das an einem Wochenende von Freitag bis Sonntag berührt  und dann wieder so abgeschlossen werden, dass alle gut nach hause fahren könnten und wieder ihrer Arbeit nachgehen bzw. sich zum Dienst in der Telefonseelsorge wieder begegnen würden?

 

Ein erfahrenes Referententeam: Frau Agnes Dudler, Psychodramaleiterin, Gründerin des Szeneninstituts und seit mehr als 20 Jahren aktiv in der Friedens- und Versöhnungsarbeit, heute mit Schwerpunkt in Gaza und Herr Stefan Flegelskamp, Psychodramaleiter, Leiter des Szeneninstituts heute und Ausbilder für Kinder- und Jugendtherapeuten in Gaza hat uns ermöglicht, mit unseren seelischen Verwundungen in Berührung zu kommen.

Wie sah unser Programm aus?

In einem Bildungshaus in der Nähe von Köln hatten wir mit über 40 TeilnehmerInnen Zeit in einer guten Atmosphäre uns in Generationengruppen zusammen zu finden.            Die Kriegskinder zwischen 1930 und 1945 geboren hatten Ängste bei Luftangriffen teils an der Hand der Eltern überlebt- einige mussten schon früh selber laufen und sich und Geschwister in Sicherheit bringen. Über diese Ängste und über Fluchterfahrungen konnte in einigen Familien nie gesprochen werden, weil die Kinder die Not der Eltern unausgesprochen fühlten.

Und diejenigen, die etwa 1945 bis 1960 geboren sind, haben teilweise Trauer über tote Familienangehörige bewusst und unbewusst in ihren Familien gespürt, Ängste der Mütter und Witwen und auch ihre Stärke im Überlebenskampf waren Bilder, die auftauchten. Lebendig wurde auch die Zeit, in der manchmal für kindliche Bedürfnisse nicht immer der angemessene Platz war.

Die Gruppe der zwischen 1960 und 1975 Geborenen war vom Blühen der Wirtschaft und von gelungenem Wiederaufbau geprägt, und es wurde versucht, den Krieg zu vergessen. Für die Schatten des Krieges und die seelischen Wunden und Traumata schien es auch in dieser Zeit kaum gesellschaftlichen Platz zu geben. Auch Vorwürfe und Anklagen der 68-  er Generation haben letztlich nicht die Tabuisierung der Zeit des Schreckens des Nationalsozialismus und der Kriegsfolgen auflösen können. Auch wenn Ansätze da waren, den familiären Verstrickungen und der eigenen Geschichte im Spiegel der Geschichte etwas näher auf die Spur zu kommen.

 

Vielleicht ist erst in den letzten Jahren die Zeit reif durch den Abstand der Enkelgeneration Gespräche wieder aufzunehmen. Vielleicht können wir uns heute unseren familiären Verstrickungen und dem, was in den Familien weitergegeben wurde, neu mit Respekt und Achtung vor den Überlebens- und Bewältigungsstrategien unserer Eltern und Großeltern zuwenden.

In Bearbeitungsformen etwa wie im Rollentausch  mit einer Person aus unserer Eltern- oder Großelterngeneration konnten bis dahin unbekannte Lebensläufe plötzlich von uns als Teilnehmenden gefüllt werden, auch wenn wir zuvor glaubten, wenig von dieser Person zu kennen.

Am Ende des Wochenendes waren wir alle sehr von unseren Geschichten bewegt; wir hatten neues Verständnis für andere Generationengruppen erfahren – oftmals hatten diese neuen Sichtweisen viel Bewegtheit in viel jüngeren Generationengruppen ausgelöst.

 

Manche Eltern nahmen sich vor, nach diesem Wochenende mit ihren Kindern neu das Gespräch zu suchen. Einige brauchten erst einmal Abstand.

Viele Gespräche haben uns in den Gruppen nach unserem Wochenende bewegt und unsere Gemeinschaft neu vertrauensvoll zusammengebracht, so dass es möglich war, sich auch schmerzhaften Erfahrungen zu stellen.

Warum arbeitet die TelefonSeelsorge mit den Fragen des Schattens des Krieges?

Wir möchten uns zum einen selber mit unseren eigenen Grenzen in der Reflektion der Vergangenheit und der Macht der Traumata auseinandersetzen. Und dies ist uns in der Vertrautheit der Gruppe schon gut gelungen.                                                                                                                                                                                                     Nicht zuletzt ist es sehr bemerkenswert, dass Menschen, wie die Zeitzeuginnen in unserer Mitarbeiterschaft, die selber schwere Schicksalsschläge erlitten und ums Überleben gekämpft haben, sich heute mit soviel Engagement für die Hilfe von Menschen in Not einsetzen.

Wir möchten uns öffnen für Nöte und Ängste von Anrufenden, wenn sie diffus von Ängsten und Depressionen bedrängt werden, dass sie wissen, dass sie sich an uns wenden können.

 

Wir werden weiter dran bleiben. Das Thema ist nicht beendet. Mit Hilfe der Spende des Lionsclubs Jülich Juliacum konnten wir dieses Wochenende finanzieren.

Eine weitere Spende des Lionsclubs Düren- Rurstadt macht es möglich, dass eine Lesung zum Thema in Planung ist. Wir bedanken uns sehr für diese Unterstützungen.

 

In der Anlage: Presseartikel Febr.2014

Literaturhinweise:  "wir Kinder der Kriegskinder" Anne-Ev Ustorf

                                  " Das wahre Drama des begabten Kindes"  Martin Miller