Nähe erleben in sicherer Distanz

2015-11-09 11:27 von Kirsten Prey

20 Jahre TelefonSeelsorge im Internet

In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel verändert: die Technik und der Datenschutz wurden verbessert; u.a. ist heute das Angebot barrierefrei und auch vom Smartphone aus erreichbar. Das Beratungs-Know-how für Chat-  und Mailseelsorge wurde weiter entwickelt, um die besonderen Handlungsmöglichkeiten im Netz optimal nutzen zu können. Auch die Ratsuchenden und ihre Themen haben sich verändert. Am Anfang waren es junge Männer mit akademischem Hintergrund, heute sind es überwiegend junge Frauen unter dreißig, die sich an die Telefonseelsorge im Internet wenden. Immer häufiger melden sich auch Kinder und ältere Frauen und Männer; d.h. heute erreicht die Telefonseelsorge im Internet  Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen. Diese Entwicklung spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen wieder: das Internet gehört heute zu der Lebenswelt fast aller Altersgruppen und Milieus

Viele der Ratsuchenden leiden unter Ängsten und depressiven Verstimmungen. Sie fühlen sich einsam und isoliert. “Ich bin so verlassen und alleine…“ heißt es in vielen Mails. Partnerschaftskonflikte und Streitigkeiten in der Familie belasten sie. Im Schutz der Anonymität des Netzes werden krisenhafte und schambesetze Themen noch direkter als am Telefon angesprochen. Ein Chat kann durchaus mit der Frage beginnen: “kennst du dich mit SVV aus?“ Es geht um selbstverletzendes Verhalten, um die Verletzungen durch sexualisierte Gewalt und immer wieder um die quälenden Gedanken an Selbsttötung.

Was vielleicht kaum zu glauben ist: im Internet hat es die Telefonseelsorge nur selten mit dem Missbrauch ihres Angebotes zu tun. Anders als am Telefon, wo Scherz- und Sexanrufe die Arbeit erschweren, melden sich die Ratsuchenden im Internet durchweg mit ernsthaften Anliegen und häufig steht am Ende ein Dank.